Autonome Überwassersysteme werden künftig in sehr unterschiedlichen Größen und Rollen eingesetzt. Dahlke unterscheidet dabei zwischen kleineren unbemannten Systemen unter 24 Metern, reduziert bemannten Plattformen und großen unbemannten Marinesystemen. Vollständig auf Menschen an Bord zu verzichten, wird bei komplexen Kampfschiffen wie Fregatten aus seiner Sicht auf absehbare Zeit nicht in allen Bereichen möglich sein. Gleichzeitig eröffnen größere unbemannte Einheiten neue Möglichkeiten, beispielsweise als Träger zusätzlicher Fähigkeiten oder Magazine.
Eine zentrale Herausforderung liegt in der dafür notwendigen Softwarearchitektur. Auf Marineschiffen treffen traditionell verschiedene Führungssysteme für Navigation, Schiffsautomation, Kommunikation sowie Führung und Waffeneinsatz aufeinander. Dahlke beobachtet dabei eine Tendenz, dass Hersteller ihre jeweiligen Systeme um immer mehr Funktionen erweitern und damit neue monolithische Lösungen schaffen. Rheinmetall verfolgt mit der Architektur „Koralle“ bewusst einen anderen Ansatz: klar abgegrenzte, modulare Software-Services verschiedener Anbieter sollen über offene Standards miteinander zusammenarbeiten.
Gemeinsam mit mehreren Systempartnern wurden dafür nach Angaben Dahlkes bereits mehr als 180 Standard-Services definiert. Diese können zu funktionalen Ketten verbunden werden, um autonome Fähigkeiten bereitzustellen. Als technologische Grundlage dient unter anderem eine Data-Distribution-Middleware. Die generische Koralle-Architektur soll anschließend für unterschiedliche Plattformen projektspezifisch konfiguriert werden, ohne das Prinzip offener Standards und interoperabler Services aufzugeben.
Erprobt werden solche Ansätze zunächst auch auf kleineren Plattformen. Ein zwölf Meter langes Autonomous Modular Craft dient als flexibel anpassbares Reallabor auf See, auf dem unterschiedliche Autonomielösungen, Sensoren und weitere Module integriert und hinsichtlich ihres operativen Nutzens untersucht werden können. Erkenntnisse daraus sollen anschließend in seriennähere Systeme übertragen werden. Für reduziert bemannte Schiffe kommen weitere Fragen hinzu, etwa, wie mehrere kleinere unbemannte Fahrzeuge mitgeführt, ausgesetzt, versorgt und wieder aufgenommen werden können.
Mit zunehmender Größe steigen die Anforderungen nochmals erheblich. Für einen geplanten rund 80 Meter langen Modular Carrier soll die servicebasierte Führungsarchitektur deshalb mit einer entsprechenden Dateninfrastruktur verbunden werden. Dabei müssen nicht nur komplexe Führungsfunktionen autonomisiert werden. Selbst vermeintlich einfache Vorgänge wie das Ankern zeigen, wie viele einzelne Zustände und Abläufe ohne Besatzung zuverlässig erkannt und beherrscht werden müssen.
Der Ansatz macht damit deutlich: Skalierbare maritime Autonomie ist nicht allein eine Frage autonomer Navigation oder einzelner KI-Funktionen. Sie erfordert eine offene Systemarchitektur, in der spezialisierte Komponenten verschiedener Anbieter interoperabel zusammenarbeiten können.
