OCCAR: Multinationale Rüstungsprogramme als Zugang zum europäischen Verteidigungsmarkt

Die gemeinsame Entwicklung und Beschaffung komplexer Waffensysteme gewinnt in Europa zunehmend an Bedeutung. Joachim Sucker, Direktor der OCCAR-EA in Bonn, zeigt, wie die internationale Organisation multinationale Rüstungsprogramme steuert, welche Vorteile die Zusammenarbeit für die beteiligten Staaten bietet und wie auch mittelständische Unternehmen Zugang zu den Projekten finden können.
Joachim Sucker, OCCAR-EA Director

Die europäische Rüstungskooperation steht vor der Herausforderung, steigende Verteidigungsinvestitionen möglichst effizient in einsatzfähige militärische Systeme umzusetzen. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die OCCAR (Organisation Conjointe de Coopération en matière d’Armement). Als eigenständige internationale Organisation ist sie weder Teil der Europäischen Union noch der NATO. Ihr Auftrag besteht darin, komplexe Rüstungsprogramme im Namen der beteiligten Staaten zu koordinieren und über ihren gesamten Lebenszyklus zu begleiten.

Mit Hauptsitz in Bonn betreut die OCCAR-EA derzeit 28 Programme in den Bereichen Land, Luft, See, Raumfahrt und Cyber. Das jährliche Ausgabenvolumen liegt bei rund 8,5 Milliarden Euro und soll weiter steigen. Zum Portfolio gehören unter anderem das Transportflugzeug A400M, das gepanzerte Transportfahrzeug Boxer, die Eurodrohne sowie verschiedene Marine- und Luftverteidigungssysteme. Neben Entwicklung und Beschaffung kann die Organisation auch Aufgaben der Nutzungsunterstützung übernehmen.

Die Zusammenarbeit bietet insbesondere kleineren Staaten die Möglichkeit, sich an großen Rüstungsprojekten zu beteiligen, ohne deren Umsetzung eigenständig organisieren zu müssen. Innerhalb eines Programms verfügen die teilnehmenden Staaten grundsätzlich über gleichberechtigte Mitspracherechte, unabhängig von ihrem jeweiligen Beschaffungsumfang. Gleichzeitig ermöglicht die gemeinsame Entwicklung und Nutzung von Waffensystemen eine stärkere Standardisierung. Dadurch lassen sich langfristig Kosten für Ersatzteilversorgung, Ausbildung und technische Betreuung reduzieren.

Ein wesentliches Merkmal der OCCAR ist zudem das Prinzip der sogenannten „Global Balance“. Anders als beim unmittelbaren industriellen Rückfluss einzelner Beschaffungsaufträge wird eine ausgewogene Beteiligung der nationalen Industrien über das gesamte Programmportfolio hinweg angestrebt. Dies schafft zusätzliche Möglichkeiten, industrielle Kompetenzen aus verschiedenen Ländern in gemeinsame Vorhaben einzubinden.

Für kleine und mittlere Unternehmen erfolgt der Zugang zu OCCAR-Programmen in der Regel nicht über eine direkte Beauftragung durch die Organisation. Vertragspartner sind überwiegend die jeweiligen Hauptauftragnehmer, die wiederum ihre Zulieferunternehmen auswählen. Wie Sucker verdeutlicht, können Unternehmen jedoch über nationale Ansprechpartner, Industrieveranstaltungen und den Austausch mit den beteiligten Staaten auf ihre Fähigkeiten aufmerksam machen. Gerade bei neuen Programmen, die zunächst mit Studien oder kleineren Entwicklungsaufträgen beginnen, ergeben sich Ansatzpunkte für eine frühzeitige Positionierung.

Mit der wachsenden Zahl multinationaler Vorhaben nimmt auch die Bedeutung leistungsfähiger europäischer Zuliefernetzwerke zu. Für Unternehmen ist es deshalb entscheidend, die jeweiligen Programmstrukturen zu kennen, Kontakte zu Hauptauftragnehmern aufzubauen und ihre technologischen Kompetenzen frühzeitig in die industrielle Zusammenarbeit einzubringen.