Europas Verteidigungsindustrie zwischen Aufrüstung, Kooperation und strategischer Unabhängigkeit

Die Europäische Union stellt ihre Verteidigungspolitik strategisch neu auf. Bernd-Ulrich von Wegerer, Ministerialrat a. D. und ehemals bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union tätig, erläutert, wie zusätzliche Finanzmittel, gemeinsame Beschaffungsvorhaben und der Ausbau industrieller Kapazitäten Europas Verteidigungsfähigkeit stärken sollen.
Bernd-Ulrich von Wegerer, Ministerialrat a.D. (ehemals Ständige Vertretung  der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union)

Die Europäische Union richtet ihre Sicherheits- und Verteidigungspolitik zunehmend auf eine leistungsfähigere und eigenständigere industrielle Basis aus. Angesichts wachsender sicherheitspolitischer Herausforderungen stehen insbesondere der Ausbau von Produktionskapazitäten, gemeinsame Beschaffungsvorhaben und die Beschleunigung von Entwicklungs- und Genehmigungsverfahren im Fokus. Mit Initiativen wie der European Defence Industrial Strategy (EDIS), dem European Defence Industry Programme (EDIP) und Readiness 2030 sollen bestehende Fähigkeitslücken geschlossen und die europäische Verteidigungsindustrie langfristig gestärkt werden.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklung ist die Mobilisierung zusätzlicher Finanzmittel. Im Rahmen von Readiness 2030 sollen die Mitgliedstaaten durch erweiterte haushaltspolitische Spielräume bis zu 650 Milliarden Euro für Verteidigungsinvestitionen mobilisieren können. Dabei handelt es sich nicht um zusätzliche EU-Haushaltsmittel, sondern um nationale Finanzierungsspielräume. Ergänzend ermöglicht das Instrument SAFE die Bereitstellung von EU-finanzierten Darlehen in Höhe von bis zu 150 Milliarden Euro für dringende Beschaffungsvorhaben. Auch die Europäische Investitionsbank erweitert ihre Finanzierungsmöglichkeiten im Verteidigungsbereich.

Mit dem EDIP sollen zudem die europäische Rüstungsproduktion, die Versorgungssicherheit und die gemeinsame Beschaffung gestärkt werden. Besondere Priorität genießen dabei Artilleriemunition, Luftverteidigung, Drohnensysteme und weitere kritische Fähigkeiten. Entscheidend ist nicht allein die Entwicklung neuer Technologien, sondern deren Überführung in eine skalierbare Serienproduktion. Gleichzeitig sollen vereinfachte Verfahren und neue Kooperationsinstrumente die gemeinsame Beschaffung zwischen den Mitgliedstaaten erleichtern.

Die europäische Verteidigungsindustrie soll unabhängiger von außereuropäischen Lieferketten werden. Gleichzeitig gewinnt die Zusammenarbeit mit der Ukraine an Bedeutung. Gemeinsame Forschungs- und Industrieprojekte sollen die ukrainische Verteidigungsfähigkeit unterstützen und Erkenntnisse aus der schnellen technologischen Anpassung unter Einsatzbedingungen auch für den Bereich der EU nutzbar machen. Die Erfahrungen der Ukraine verdeutlichen insbesondere, wie entscheidend kurze Entwicklungszyklen und die schnelle Überführung von Innovationen in die praktische Anwendung sind.

Für kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups entstehen dadurch neue Beteiligungsmöglichkeiten. Der Ausbau industrieller Kapazitäten erfordert leistungsfähige Zuliefernetzwerke, zusätzliche Produktionsstandorte und eine stärkere Einbindung spezialisierter Unternehmen. Wie von Wegerer hervorhebt, müssen dabei nicht nur große Rüstungsunternehmen ihre Produktionskapazitäten erweitern. Auch die nachgelagerten Zulieferstrukturen müssen mitwachsen, damit industrielle Engpässe vermieden und Lieferketten widerstandsfähiger werden.

Die erfolgreiche Positionierung im europäischen Verteidigungsmarkt setzt jedoch fundierte Kenntnisse der Förder- und Beschaffungsverfahren voraus. Unternehmen müssen ihre technologischen Stärken, Kooperationsmöglichkeiten und wirtschaftlichen Risiken gezielt bewerten. Europäische Verteidigungsfähigkeit hängt damit nicht nur von höheren Investitionen ab, sondern vor allem davon, wie schnell politische Initiativen in industrielle Leistungsfähigkeit und verfügbare militärische Fähigkeiten umgesetzt werden können.